Ein neuer Anzug für Papa

Papa benutzt Teebeutel zweimal. Aber nun steht der 70. Geburtstag von Onkel Franz an.

„Du brauchst unbedingt einen neuen dunklen Anzug. Mit deinem alten kannst du dich nicht mehr blicken lassen“, sagt Mama.

„Was hast Du schon wieder auszusetzen. An dem Anzug ist nichts dran.“

„Nur dass er zwei Nummern zu klein ist“, kontert Mama.

„Die Knöpfe mache ich sowieso nicht zu, wird mir immer zu warm.“

„Mama hat recht: Du brauchst unbedingt einen neuen dunklen Anzug. Das ist mir schon bei der Beerdigung von Tante Minna aufgefallen“, sage ich.

„Ihr seid immer großzügig darin, mein Geld auszugeben. Verdient erst mal selber was.“

Das ist immer Papas Totschlag-Argument. Er hält sein Geld lieber zusammen, anstelle es auszugeben.

„Es stehen in der nächsten Zeit noch so viele Beerdigungen an. Und da will ich mich nicht mit deinem Kommunionsanzug blamieren.“

Widerwillig knickt Papa ein. Zu Dritt machen wir uns auf den Weg nach Paderborn ins Kaufhaus Klingenthal. Ein junger Verkäufer kommt auf uns zu und bietet seine Hilfe an.

„Ist der Herr Hillebrand heute nicht im Hause? Der kennt meine Figur genau.“

„Herr Hillebrand ist gerade in der Kundenberatung.“

„Dann sagen Sie ihm, dass wir in einer Stunde zurückkommen. Herr Müller aus Bad Driburg. Er kennt mich.“

Nach einer Kaffeepause kehren wir zurück. Herr Hillebrand steht bereit. Er schaut sich Papa genau an und sucht dann drei Anzüge heraus, mit denen Papa in der Kabine verschwindet.

„Das ist der Hammer“, sage ich, als Papa mit einem tiefdunkelblauen Anzug vor die Kabine tritt.

„Der macht richtig schlank.“ Mama ist begeistert. „Da muss nichts geändert werden.“

„Was soll das gute Stück denn kosten, Herr Hillebrand?“

„180 Mark – ein guter Preis für diesen erstklassigen Stoff.“

„Einhundertachtzig Mark für einen schlichten Anzug? Wer soll das bezahlen? Da müssen Sie aber noch was am Preis machen, Herr Hillebrand. Wer weiß, wie oft ich den Anzug überhaupt noch tragen kann.“

Warum muss Papa immer so peinlich sein? Am liebsten würde ich mich in ein Mauseloch verkriechen.

„Ich bin leider nicht befugt, Prozente zu geben.“

„Aber dann ist der Schlips, den ich zum neuen Anzug brauche, wenigstens kostenlos!“ sagt Papa.

Und tatsächlich verlassen wir das Geschäft mit Anzug und seidenem Schlips. Den gabs obendrauf.

 

Ingrid Ollenschläger, August 2025


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